Freitag, 15. Juni 2012
nach dem Eisregennebel
nach dem kurzen ausflug in die virtuelle und warmwasserausdemhahnwelt sind wir zurück hier oben auf unserem bergdomizil und genießen den sich lichtenden nebel, der sonne und damit auch etwas mehr wärme verheißt. auf dem, beziehungsweise über dem ofen brutzeln die geschnekten pansen, die gaby uns geschenkt hat. mal sehen, ob ich es schaffe, die zu räuchern und das haus geruchs"neutral", also wieder nur nach stall und lebenden kühen mit arbeitenden pansenundmägen zu bekommen;=)
wenn die ersten dilemmata, die uns hier morgens um fünf so wiederfahren können, bewältigt sind, die kühe gemolken, die kälber getränkt und das pony sowie der leihstier versorgt sind, fährt der bauer ja ins dorf und ich kann in de regel, solange wir nboch nicht käsen, relativ frei schalten und mich ums wohl der hunde und meines kümmern. ab und an geh ich zu den kälbern, auch, wenn ich weiß, dass jede festigung der bindung zu den kleinen mir nachher - wenn sie zum schlachten geholt werden, alles viel, viel schwerer machen würde.
heute morgen beim frühstück dann eine diskussion, dass dora, die neugeborne, doch jetzt ganz gut und viel munterer ist, seit ich sie zwischen die anderen kälber gebunden habe. enge ist nicht der kälber problem, sondern der fehlende körperkontakt, das sich gegenseitig putzen und wärme geben können. der bauer meint, dass dora dann schwerer aufzuladen sei, sie solle gleich von anfang an gar keine bindung zu irgendwem haben. das kann doch nicht sein, nur, weil der moment in 7 oder 10 monaten dann etwas schwieriger wird, sollen sie und der kleine schwarze stier bis dahin vor sich allein hinvegetieren?
sie haben doch eh schon ein kurzes und wenig schönes leben (natürlich hat der bauer recht, im vergleich zu großmastanlagen gehts ihnen bei uns gut)....ich werde wohl doch beim nächsten internetzugang mir das ebook von karen duve bestellen "anständig essen" und dann gibts zum morgenkaffee jeweils ein kapitel daraus;=)
der stress des bauern hat sich mit abnehmender erkältung und je mehr hier alles ins lot kommt, etwas gelegt, nur wenn die kühe morgens beim einstallen immer noch nicht gleich ihren richtigen platz finden oder die kälber, die noch übermütig von den nächtlichen weidegängen sind, etwas bockbeinig umhertoben, dann gibts schon noch flüche. meine ersten schwizerdütschen brocken sind ohnehin potz heemotlondi und donder und hurenkröcke....nichts, was man weitergeben muss?
ist wahrscheinlich - je nach jobwahl - ohnehin immer das erste, was man lernen kann - auf europa bezogen, zumindest.
tara hat gestern abend aus einem kurzen abendspaziergang kurzerhand eine hasenjagd und niesenerkundung gemacht, mir damit einen sehr netten abend mit einem glas rotwein bei unsern nachbarn weiter oben beschert, die dort in unglaublicher gelassenheit und mit viel humor auch kuhhaltung, käserei, alpwirtschaft betreiben und noch dazu die 4 kleinen kinder großziehen. bewundernswert und ich war froh, dass ich dort auf die rückkehr meines weißen kalbs namens tara warten konnte. sie hatte natürlich vorher schon guten abend gesagt, war dann aber doch erschrocken, dass man sie mit namen ansprach und entschied sich für die hasenfährte bergauf. gut, dass es dank dauerregen und bergnebeln so undurchsichtig ist, dass hoffentlich der wildhüter nicht das taratier auf seine liste setzen kann.
jetzt, bei dauerregen und ziemlich kühlen 5 grad schlummern kälber, kühe und der sich nachts in männlichkeit übende stier oben - während die hunde und ich uns die petroleumlampe inklusive heizer gefüllt und uns auf einen engen, aber gemütlichen vormittag eingerichtet haben. der getrocknete pansen trägt wohl ein übriges zur zufriedenheit bei und von jagderlebnissen lässt sich am knisternden küchenofen sicher fast genauso gut träumen:=)
regen, regen, kälte, morgens schafft es das temperameter grad so auf 5 Grad. und des bauern laune schwankt wie das wetter. zur zeit steht das barometer auf kompromissbereit, es gab gestern abend besuch und fondue mit weißbrot und appenzeller, also keinem hausgemachten, sondern verpacktem käse, aber nicht weniger lecker. dazu gemütlichkeit am petroleumofen und ein glas weißwein. gespräche über die billigen ausländer, womit hauptsächlich die scheint es - nicht gerade beliebten deutschen - gemeint sind. mein einwand, ich sei ja auch so eine billige arbeitskraft, die die löhen kaputtmache und der bauer sei doch auch drauf angewiesen, wurde abgetan mit, man müsse ja soviel an die ahv (rentenversicherung) abgeben und so billig sei ich ja dann also gar nicht...ja, so ist das mit der wahrnehmung. es liegt wie immer alles im auge des betrachters;=)
ich lerne nicht nur, dass - wie meine nachbarin von oben erklärte - bauern immer unzufrieden sind, sondern auch, die dinge zu nehmen, wie sind oder kommen und ansonsten dass ich so gut arbeite wie ich kann und nichts mehr persönlich zu nehmen. die morgensfünfuhraufstehendisziplin tut gut und der erste blick, der auf hunde, dann berge und wälder fällt, ist, was ich wollte und insofern sind die tage und die zeit hier ein geschenk, auch mit all den schwierigkeiten oder unzulängklichkeiten, denen ich hier begegne. zu wissen, dass wir jederzeit gehen können, macht alles leicht/er.
die hunde haben jetzt gelernt, dass wir morgens über die weiden streunen, bewaffnet mit einer heckenschere, um den überall sprießenden tannen den garaus (zu) machen (müssen). das sind auch so dinge, die immer im leben grenzen aufweisen, freiwillig würde ich die bäumchen natürlich nicht köpfen, aber ich will ja auch milch im kaffee und im müslischälchen haben, also müssen die kühe eine brauchbare sömmerungsweide zur verfügung haben - und die kälber müssen aus dem eimer trinken, was sich an milchqualität nicht verkaufen lässt (?)...jedenfalls hier muss es so sein, wären es meine eigenen tiere, würde ich über alternativen nachdenken, aber ich würde ohnehin nicht von der viehwirtschaft leben wollen, sondern immer nur für den eigenbedarf produzieren wollen.
stellt sich die frage, wovon will man denn leben, immer gut, mal wieder drüber nachzudenken;=)
donnerstag, sonnenschein, aber - selbst, wenn hier heute morgen mehr als die obligatorischen 5 grad celsius angezeigt würden, mir wäre nach dem gestrigen tag vermutlich dennoch ganz schön fröstelig. den halben tag im strömenden regen zäune repariert...das hört sich nicht schlimm an, denn es gibt ja regenjacken. dumm ist nur, wenn der regen von eisigem wind um einen herum gepeitscht wird, die zäune nicht einfach nur maschendrahtgrenzen, sondern zerrissene stacheldrahtmeter sind, die geflickt werden müssen und die zu ersetzenden zaunspfähle morsch und zahlreich sind, sodass man weideauf,weideab neue heranschleppen muss.
nun denn, ich hatte schon vor 30 jahren in der lehre als rinderzüchterin das gefühl, weidezäune sind nicht mein ding;=) jedenfalls dachte ich heute morgen, dass alle, die noch nie mit milchviehhaltung zu tun hatten, doch beim griff ins milchregal einmal kurz daran denken könnten, welche mühen an so einem liter milch hängen.
die klamotten von gestern immer noch klitzschbadennass und selbst der sportteil des unsäglichenBILDImitats "blick" trägt nicht sonderlich zur schnelleren Trocknung meiner "wasserdichten" Globetrotterwanderschuhe bei. fraglich ist, warum wir die zäune ausgerechnet gestern bei diesem - den regen der vortage noch übetrumpfendem himmelsgeheul angehen mussten. ein grund ist mir sehr vertraut, der nächstgelegene nachbar (und der einzige, mit dem wohl hier niemand zurecht kommt) hat den bauern gestern bei der auffahrt nicht mehr gegrüßt, das hat ihm gleich so zugesetzt, dass er reumütig die weideabgrenzung zu nachbars kühen in verbessertem zustand wissen wollte. tja, dabei schließe ich aus den erzählungen, wenns der zaun nicht wäre, der den nachbarn vergrätzt, wärs was andres und es hat noch nie jemandem zu einem besseren menschen gemacht, anderer leute vermeintlicher gedanken zuvorkommen zu wollen - aber solcherlei therapeutische gespräche muss ich wahrscheinlich nicht mit dem bauern führen. zumindest hat mein einsatz mit den hartgesottenen männern gestern für ein wohlgesonneneres bauerngemüt hier am heimatlichen ofen bei spaghetti und tomatensauce gesorgt. soviel zum thema, andern helfen oder "liebkind" sein zu wollen;=)
für die selbstdisziplin und das morgendliche aufstehen um 5 uhr ist es ganz hilfreich, dass der einzig verfügbare ofen in bauers schlafzimmer, das als wohn- und esszimmer dienen muss, steht. hätte ich in meiner dienstmädchenkammer mehr als das schmalbrüstige bett und den spalt, in dem abwechselnd einer der hunde schläft, während das andere riesentier sich neben mir dünn zu machen sucht, ich würde sicher doch abends länger lesen oder noch etwas schreiben und dann morgens zerschundne gedanken hegen.
jetzt ist es erst einmal zeit, tannen auf der weide zu schneiden, das lässt sich ganz gut mit dem hundespaziergang verbinden und gibt uns bei touristen wenigstens ein bisschen autorität. hunde und menschen bei der arbeit, da kann man als vorbeizügelnder niesen-aufstreber schon mal mit einem talschallenden bellen begrüßt werden.
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